Historisches

Amateurtheater in Sachsen - Die Historie

Der hier veröffentlichte Text stellt keine abgeschlossene Arbeit dar. Er ist vielmehr als eine erste gedankliche Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex innerhalb des Landesverbandes Amateurtheater Sachsen e. V. zu betrachten, der einerseits eine ständige Erweiterung erfährt und andererseits anregen soll, zu einer eigenen Beschäftigung des Lesers mit der Problematik. Dankbar werden weitere Beiträge oder Verweise auf entsprechende Arbeiten entgegengenommen. An dieser Stelle sei auch ausdrücklich auf die von Michael Hametner zusammengetragenen Aufsätze und Beiträge unter dem Titel "Deutsches Amateurtheater - Woher?", herausgegeben vom "Deutschen Amateurtheaterverband e. V." verwiesen, der hier u. a. auszugsweise zitiert wird.
Unser Ehrenmitglied Karl Uwe Baum hat zur Erforschung der gesamtdeutschen Amateurtheatergeschichte 2015 den Bundesarbeitskreis Geschichte des BDAT initiiert und erforscht zudem vertieft die sächsische Amateurtheatergeschichte. Die Ergebnisse sind auf einer eigenen Webseite publiziert: amateurtheater-historie.de


Mittelalter

Theater wird in diesem Land schon sehr lange gespielt. Die Anfänge reichen bis ins Mittelalter zurück. Als erste Form für ein inszeniertes Spiel von Laien werden der Mummenschanz zu Fastenzeiten und die Prozessionsumzügen gewertet.

Die Zeit der Kämpfe

Das Amateurtheater jener Jahre ist sicher nur aus dem Blickwinkel der Zeitgeschichte zu verstehen; einer Zeit, in der sich ab Mitte des 19. Jh. einschneidende wissenschaftliche, ökonomische, gesellschaftliche und politische Veränderungen vollzogen, in der es zur Polarisierung und Auseinandersetzung der Klassen kam, Kriege die Gesellschaft erschütterten und konträr gegenüberstehende politische Lager um Macht und Einfluß kämpften.Die Laientheaterbewegung in Deutschland entwickelte sich insbesondere seit der beginnenden Industrialisierung und des damit entstandenen Vereinswesens stürmisch. In Sachsen agierten so zeitweise sieben Dachorganisationen des Laienspiels gleichzeitig. Weit verbreitet waren hier die obligatorischen Schulaufführungen am Ende eines jeden Schuljahres. Auch der Bund Deutscher Amateurtheater sieht seine Wurzeln u. a. in Sachsen liegen.Insbesondere mit der Zunahme der Widersprüche innerhalb der Gesellschaft aber auch der Auseinandersetzungen zwischen den Parteien der Arbeiterklasse geriet die Laienbewegung in die politischen Machtkämpfe jener Zeit. Aus dem Bedürfnis, Zugang zum Theater zu bekommen, entwickelte sich das Laientheater über die Volksbühnenbewegung in zwei Richtungen. Zum einen entstand das Dilettantentheater, das sich durch eigene Aufführungen die bürgerliche Dramatik erschloß. Andererseits gab es ein großes Bedürfnis nach Kunst, die die Themen der unteren Klassen aufgriff. Diesem Bedürfnis stellte sich auch eine Vielzahl von Künstlern. So arbeiteten mit der Laienbewegung in der Arbeiterklasse Künstler wie Gustav von Wangenheim, Erwin Piscator, Friedrich Wolf, Johannes R. Becher, Wolfgang Langhoff, Bela Balázs, John Heartfield, Andor Gabor und Bertholt Brecht zusammen. Es wurde versucht, andere Formen als das bürgerliche Theater zu finden. Es blieb aber auch nicht aus, daß es unter den verschiedenen Dachorganisationen des Laienspiels zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Zunehmend aber gerieten die Laientheater unter den Einfluß der Parteien. Besonders die KPD instrumentalisierte die Gruppen als Mittel zur Führung des Klassenkampfes und der politischen Bildung der Arbeiterklasse mit künstlerischen Mitteln. In deren Folge kam es zu großen Masseninszenierungen, z. B. in Leipzig, aber insbesondere zu einer, am sowjetischen Vorbild orientierten Agitprop-Bewegung (Sprechchor und Rote Revue), die bis 1933 eine massenweise Verbreitung in ganz Deutschland fand. In Kurzszenen und Liedern wurden die Situation der Arbeiterklasse und die Methoden der Ausbeutung dargestellt. Gruppen wie "Die Roten Spatzen" aus Leipzig oder "Rote Raketen", Dresden, reisten mit ihren Programmen durchs Land und waren so für propagandistische Zwecke gut einzusetzen. Nach 1930 wendeten sich die Laientheater wieder stärker den Stücken zu. Gruppen wie der "Heitere Blick" aus Radebeul (20er Jahre) oder das Mundarttheater Crottendorf (1909) führen ihre Vereinsgeschichte bis in die Anfänge des vergangenen Jahrhunderts zurück.Mit der Gleichschaltung der Theatervereine im Dritten Reich zog das Seichte, Unverfängliche, Bäuerliche in die Spielpläne vieler Gruppen ein. Aber auch Inszenierungen mit nationalistischem, wie rassistischem Geist hielten Einzug. Bekannt sind Auftritte mit Durchhalteparolen von Puppenspielern in Frontabschnitten des II. Weltkrieges. Die Spielgruppen der Arbeiterklasse waren einer zunehmenden Verfolgung ausgesetzt. 

Amateurtheater in der DDR

Eine Vielzahl Gruppen nahm gleich nach dem II. Weltkrieg ihren Spielbetrieb wieder auf. Ihr Repertoire fanden sie in den "unbelasteten" Texten des Erbes und im heiteren Unterhaltungstheater. Ein unmittelbares Anknüpfen an die "proletarische Kulturbewegung" der Weimarer Republik schien aufgrund des breiten antifaschistisch-demokratischen Konsens in der Gesellschaft auch nicht geraten. Erst ab Mitte der 50er Jahre versuchten Partei und Regierung, die Amateurtheater zur kulturellen und politischen "Erziehung der Massen" einzusetzen. Ausgangspunkt war die Annahme, daß sozialistisches Bewußtsein über neue sozialistische Kunstwerke entwickelt werden könne. Andererseits war von Beginn an das Bemühen zu spüren, den Werktätigen den bisher versperrten Zugang zur Kunst zu gewähren. Dieser wurde sehr wesentlich auch durch die Theaterhäuser ( u. a. Berliner Ensemble) und Berufskünstler (u. a. Bertholt Brecht, Heinar Kipphardt, Helmut Baierl) mit-getragen. Daß die Amateurtheater dann zur "Ausrichtung der Berufskunst auf die Linie der Partei" mißbraucht wurden, mag als Ironie jener Zeit verstanden werden.Der Anbindung der Amateurtheater an Betriebe und Einrichtungen lag die Annahme zugrunde, daß "wahre Kunst" nur durch und mit der Arbeiterklasse geschaffen werden kann und ermöglichte ihre sichere Kotrolle, bot aber andererseits den Gruppen ein umfangreiches materiell-technisches Potenzial. Weitere Einrichtungen, wie Kulturkabinette auf den Ebenen der Kommunal- und Bezirksverwaltungen und das Zentralhaus der Volkskunst in Leipzig sorgten einerseits für den organisatorischen Rahmen und die Weiterbildung, versuchten andererseits aber auch das Amateurtheater zu instrumentalisieren und nach der "sozialistischen Kunstauffassung" auszurichten. Instrumente hierzu waren u. a. Einstufungen der Gruppen und die Ausscheide, deren Sieger über verschiedene Etappen bis zu den Arbeiterfestspielen, einem Treffen der Amateurkünstler der DDR seit 1959, gelangen konnten.Das "sozialistische Drama" auf der Guckkastenbühne war das bevorzugt verordnete Wirkungsfeld der "Arbeitertheater", dessen Namen ab 1959 als Titel vergeben wurde. Sie sollten den Menschen zur "sozialistischen Persönlichkeit" erziehen. Sowjetische "Produktionsdramatik", ihre DDR-Entsprechung, deutsche, französische und englische Klassiker, Stücke links gerichteter Autoren und all jene Werke, die die SED und der Staat als ihr sozialistisches Kulturerbe ansahen, konnten gespielt werden. Von Ausnahmen abgesehen, "verkümmerte das Amateurtheater" bis Anfang der 80er Jahre hinein "weitgehend zur Epigone des Berufstheaters."Mit dem zu dieser Zeit einsetzenden Generationswechsel in der Szene, den sich verschärfenden gesellschaftlichen Widersprüchen in der DDR und dem damit einhergehenden veränderten Kunstverständnis, wandelte sich auch das Erscheinungsbild des Amateurtheaters. Die Gruppen besannen sich auf ihre Stärken und entwickelten eigene spezielle künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Dies führte verstärkt zum Einsatz anderer theatralische Mittel (offene Spielform) als bisher üblich. Zunehmend griffen die sich verjüngenden Gruppen brisante gesellschaftliche und soziale Themen auf. "Sie wurden zum Sammelpunkt eines kritischen Potentials von Gleichgesinnten, dessen Aufführungen oft über den künstlerischen Wert hinausgingen." Gruppen wie das "Poetische Theater" der Universität Leipzig mit "Wanze" von Majakowski, Hans Otto-Theater aus Dresden mit "Kinder, die anders sind" oder die Studentenbühne der TU Dresden mit "Schukschin-Abend" sollen hier für viele andere stehen. Letztere Inszenierung führte gar zu einem politischen Skandal und zur Auflösung der Gruppe. Neben den Zentren des Amateurtheaters im Territorium des heutigen Sachsens wie Karl-Marx-Stadt und Dresden entwickelte sich besonders Leipzig als Brennpunkt des progressiven Amateurtheaters.Der Wechsel des politischen Systems traf die Amateurtheater unvorbereitet. Die Ereignisse hatten sie überrollt. Viele Gruppen lösten sich in dieser Periode auf. Erst Anfang 1990 meldeten sich einige mit Aktivitäten wieder zurück. Und mit dem Vereinsgesetz der DDR vom 28.2.1990 entstanden auch die ersten Amateurtheatervereine. Dies war auch dringend nötig, da die materiell-technische Basis der Gruppen sich innerhalb kürzester Zeit in ca. 80 % der Fälle auflöste. Viele Betriebe und Einrichtungen wurden privatisiert oder geschlossen. Für die Gruppen war da kein Platz mehr. Mit den Trägern verschwanden häufig auch die Unterlagen und Ausrüstungen, die Probenräume und Spielstätten. Die gesamte Struktur des Landes änderte sich. An die Stelle der Bezirke traten wieder die Länder. In dieser Zeit des Vakuums trafen sich auf Initiative von Gisela Donath, ehem. Vorsitzende der Beratergruppe Amateurtheater des Bezirkes Dresden und dem Volkskunstpodium Dresden Theatergruppen zu ersten Beratungen. In deren Ergebnis gründeten 8 Gruppen und 6 Einzelpersonen am 17.6.1990 in den Räumen des Studententheaters der TU Dresden den Landesverband Amateurtheater Sachsen e. V., als dessen Vorsitzender Karl Uwe Baum eingesetzt wurde. Damit war ein neues Kapitel in der Geschichte des sächsischen Amateurtheaters aufgeschlagen.

Zeittafel

Nichtprofessionelles Theater in Sachsen (ausgewählte Fakten)

 

  • 2013 — der LATS gibt die Publikation „Auf der Scene – Gesichter des nichtprofessionellen Theaters in Sachsen von 1500 bis 2000“ heraus
  • 2007 — erste Auslobung des Sächsischen Amateurtheater-Preises
  • 2006 — Knalltheater Leipzig führt erstmals die Leipziger Straßentheatertage durch (seit 2009 gemeinsam mit LATS)
  • 1998 — erstmalige Durchführung des Festivals „Sächsische Amateurtheatertage“ (SATT)
  • 1991 — 1. Deutsches Amateurtheatertreffen, Veranstaltungsort Dresden, das Treffen wurde 1993 ebenfalls in Dresden wiederholt und danach nie mehr durchgeführt
  • 1990 — mit dem Amateurtheaterverband der DDR (ATV, 1990–1995) entsteht erste selbständige Organisation des Amateurtheaters in diesem Land, Gründung des Landesverbandes Amateurtheater Sachsen
  • 1980 — Beginn einer neuen Entwicklungsphase im Amateurtheater der DDR, erste selbständige, freie Amateurtheatergruppen entstanden (u.a. Leipziger Amateurtheater, Theater aus dem Hut), eigenen Stückentwicklungen erfolgten und das Improvisationstheaters etabliert sich
  • 1952 — Eröffnung des Zentralhauses für Laienkunst in Leipzig
  • 1949 — in der 1949 gegründeten DDR wurden Laien- und Amateurtheater innerhalb von Betrieben und Einrichtungen organisiert, die drei sächsischen Verwaltungsbezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig entwickelten sich zu Leistungszentren des Amateurtheaters in der DDR
  • 1945 — erste Auftritte von Laientheater u.a. in Dresden, Chemnitz und Radebeul
  • 1944 — Einstellung jeglichen Theaterbetriebes zum Ende des 2. Weltkrieges
  • 1934 — Reichstheatergesetzt erlassen in dessen Folge 1935 die Gleichschaltung aller Kulturvereine auch in Sachsen geschah und viele Theatervereine ihre Tätigkeit einstellten
  • 1933–1936 — Thingspielbewegung, von den Machthaber in Nazi-Deutschland initiiert, theatrale Massenauftritte in Arena artigen Freilichtanlagen vor  20.000 und mehr Zuschauern, in Sachsen u.a. in Bad Schmiedeberg
  • 1920–1924 —  Gewerkschafts-Massenspiele in Leipzig mit teilweise bis zu jeweils 1.800 Mitwirkende und 50.000 Zuschauern, Inszenierungen: Spartakus (1920), Der arme Konrad (1921), Bilder der französischen Revolution (1922), Krieg und Frieden (1923) und Erwachen (1924)
  • 1910 — Gründung des Arbeiter-Theaterverlag Alfred Jahn in Leipzig, Jahn war von 1924 bis 1928 Vorsitzender des Deutschen Arbeiter-Theater-Bundes
  • 1909 — 2.9. – Gründung des ältesten heute noch bestehenden Theatervereins, dem Mundarttheater Crottendorf e. V.
  • 1906 — Gründung des Deutschen Arbeiter-Theater-Bund in Berlin, maximale Stärke ca. 7.400 Mitglieder (1922), gegliedert in Bezirke und Ortsgruppen gehörten ihm auch Vereine aus Sachsen an
  • 1904 — XII. Verbandstag des „Verbands der Privat-Theater-Vereine Deutschlands“ im Leipziger Kristallpalast
  • 1892 — Gründung des „Verbands der Privat-Theater-Vereine Deutschlands“ (Vorläufer des BDAT) in Berlin, erstes sächsisches Mitglied Dramatischer Verein „Minerva“ Leipzig die Zeitschrift „Thalia“, „Organ des Verbandes dramatischen Vereine Sachsens“ erscheint erstmals
  • 1882 — Gründung des Verbandes dramatischer Vereine Sachsen, der Verband nannte sich im Laufe der Jahre mehrfach um und trat schließlich unter dem Namen „Volksspielkunst – Reichsverband für Volkskunst, Volksbildung und Jugendpflege e. V.“ (RVVJ) auf, neben dem „Reichsbund für Volksbühnenspiele“ (RVBS,) entwickelte sich der RVVJ zur zweitgrößten Dachorganisation in Deutschland mit Mitgliedsverbänden u. a. in Berlin, Hamburg, Baden Württemberg, Westfalen und Westdeutschland weitere sechs Theaterverbände folgten bis 1930, die teils aus Abspaltungen entstanden, wieder fusionieren oder sich auflösen, u.a. „Freie Vereinigung theaterspielender Vereinigungen im Königreich Sachsen, Zwickau-Glaucher Bund dramatischer Vereine, Verband dramatischer Vereine der südlichen Lausitz…
  • 1862 — am 2.10. – erste Theateraufführung insorbischerSprache durch StudenteninBautzen, „HerrvonViereck“, Komödie
  • 1821 — Gründung des dramatischen Vereins Thalia Leipzig, erster nachgewiesener Theaterverein in Sachsen
  • 1808 — in Annaberg wird nachweisbare die letzte Schulkomödie in Sachsen aufgeführt (Die verwandelten Weiber)
  • 1776 — 15 adlige wie bürgerliche Personen gründen in Dresden das Societætstheater, ab der folgenden Jahrhundertwende traten wiederholt auch Berufsschauspieler dort auf, bis sich das Theater vollständig professionalisierte und 1832 auflöste
  • 18 Jh. — Entwicklung der organisierten laienkünstlerischen Geselligkeit, 1784 Aufführung des Schauspiels Julius von Tarent in Dresden durch das freundschaftliche Theater, 1795 Entstehung des Freiberger „gesellschaftlichen Privattheaters“
  • 1642 — Christian Weise geboren, von 1678 bis 1708 Direktor des Gymnasium Zittau, Verfasser zahlreicher Schuldramen, entwickelte ein eigenständiges Erziehungs- und Unterrichtskonzept, 1708 gestorben
  • 1600 — Komödie von Andreas Hartmann wird inTorgau und Dresden mit bis zu 800 Mitwirkenden aufgeführt
  • 1538 — erste überlieferte Aufführung einer geistlichen Komödie durch einen Chemnitzer Schuldirektor auf dem Markt der Stadt, Beginn des Schultheaters nach der Reformation
  • 1509 — erstmalige Aufführung der „Welttragödie“ an vier Tagen, vom Schöpfungstag bis zum Jüngsten Gericht in Freiberg
  • 14./16. Jh. — Geistliche Spiele (Johannes-, Prozessionsspiele)  sind für das 14. bis 16. Jh. nachgewiesen und u.a. für  Dresden, Pirna und weiteren Orten bis 1539 belegt
  • 1412 — „Mysterium der heiligen Dorothea“ auf dem Markt in Bautzen aufgeführt, wobei durch Einsturz eines Hauses 33 Personen starben
  • 1322 — Aufführung des „Schauspiels von den klugen und unklugen Jungfrauen“durch Geistliche und Schüler in Eisenach, frühester Nachweis einer Aufführung in Sachsen